Digitale Endlichkeit

16. Juni 2021 Allgemein, Blog

Content Warning: Digitaler Tot

Vor etlichen Jahren hatten meine Eltern und ich über das Thema Patientenverfügung gesprochen und diese für uns aufgesetzt. Jetzt war es an der Zeit diese zu aktualisieren, im Rhythmus von 10 Jahren finde ich das absolut in Ordnung, da sich Befindlichkeiten, Weltanschauungen und Einstellungen verändern (könn(t)en).

Während wir bei Tisch darüber sprachen, kam mir ein weiterer Gedanke zu dieser Thematik. Angenommen, mir würde etwas zustoßen, was passiert mit meinen Digitalen-Hinterlassenschaften? Das klingt im ersten Moment ziemlich profan, weil was soll schon damit passieren? Es sind ja nur Daten. Es sind nicht die Fotoalben mit Bildern aus der Kindheit, die meine Eltern oder meine Verwandten angelegt haben. Es sind auch keine VHS Kassetten / DVDs mit alten Videos.

Da liegt aber auch das Problem begraben. Es ist nichts Physisches, das man sich in die Hand nimmt und durchblättert oder in ein Abspielgerät einlegt.

Ich würde mich als Digitalnative bezeichnen, der sich souverän im Netz und in der modernen Technik bewegt. Der dort viel Zeit verbringt, um sich zu vernetzen, um zu zeigen, was ich kann oder welche Haltung ich habe. Ich habe diesen Blog, YouTube Kanäle, Twitter, Instagram Accounts, Bilderdatenbanken und einen fest stehenden Server im Netz. Dazu kommen etwa 10TB an Bilder- und Videomaterial, welche auf Wechselfestplatten in mehreren Network Attached Storage (NAS) verteilt sind.

Mittlerweile ist es nicht mehr so, dass man seine Bilder in einem physischen Bilderalbum führt, diese sind entweder auf Festplatten oder in (i)Clouds gespeichert. Die Videos sind nicht mehr auf VHS oder auf einer DVD/Blu-Ray, die man einfach in einen Abspieler stecken kann, um deren Inhalte sich anzuschauen. Wie könnten meine Eltern z.B. auf dieses „Erbe“ zugreifen? Da sie nicht mit dieser Technik aufgewachsen sind.

Um den Gedanken zu erweitern, was passiert mit meiner Online-Präsenz? Twitter, meiner Webseite oder auch meine Instagram Accounts? Sollen die einfach gelöscht werden? Oder als digitales Grab stehen bleiben?

Laut Wikipedia ist die Rechtslage gar nicht so einfach. E-Mail Accounts können geöffnet werden, damit Rechnungen bezahlt werden können. Facebook kann ebenfalls kontaktiert werden, damit den Verbliebenen, per Lese-Rechte Recherchen ermöglicht werden.

Herausgabepflichten
Mit Beschluss vom 27. August 2020 hat der III. Zivilsenat des BGH entschieden, dass der verurteilte Betreiber eines sozialen Netzwerks (Facebook), den Erben Zugang zu dem vollständigen Benutzerkonto zu gewähren hat. (Beschluss vom 27. August 2020 – III ZB 30/20, Pressemitteilung Nr. 119/2020 vom 9. September 2020). Den Erben muss die Möglichkeit eingeräumt werden, vom Konto und dessen Inhalt auf dieselbe Weise Kenntnis zu nehmen und sich – mit Ausnahme einer aktiven Nutzung – darin so „bewegen“ zu können wie zuvor die ursprüngliche Kontoberechtigte. Der Betreiber des sozialen Netzwerks (Facebook) hatte den Erben nur einen USB-Stick mit einer umfangreichen PDF-Datei (14.000 Seiten) überlassen und keinen vollständigen Zugang zum Benutzerkonto gewährt. Die PDF-Datei bildet das Benutzerkonto nicht vollständig ab. Denn dies erfordert nicht nur die Darstellung der Inhalte des Kontos, sondern auch die Eröffnung aller seiner Funktionalitäten – mit Ausnahme derer, die seine aktive Weiterbenutzung betreffen – und der deutschen Sprache, in der das Benutzerkonto zu Lebzeiten der Erblasserin vertragsgemäß geführt wurde.[8]

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Digitaler_Nachlass

Jedoch ist diese Art der Sichtweise auch nur für versierte Menschen möglich, die sich mit dem Internet auskennen und nicht für Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind.

Eine Lösung wäre, einem/er Freund:in (oder einen Dienstleister) explizit im Testament zu benennen, welche/r den Digitalen Nachlass regelt. Ein weiteres Problem ist, dass die Person nicht unbedingt wissen kann, wo und welche Online-Konten der Verschiedene hinterlässt. Dies könnte man mit einer einfachen Aufstellung lösen. Weiter müsste in der Aufstellung aufgeführt werden, wie mit verschiedenen Internet-Auftritten verfahren werden sollte.

Für meinen Teil würde ich festsetzen, dass Twitter und Instagram bestehen bleiben können, quasi als Digitale Grabsteine. Falls jemand Lust hat, hat sie/er immer wieder die Möglichkeit, dort hinzugehen.

Meine Domains und dieser Blog können gerne gelöscht werden, weil auf der Seite https://archive.org wird man sich noch Jahre danach über die bekannte Wayback-Machine meine Inhalte anschauen können.

Alle weiteren Socialmedia Accounts dürfen und können gerne gelöscht werden. Ebenso auch alle Zweit-/Dritt- und Viertaccounts.

Was soll jedoch mit den nicht Online-Daten passieren? Sprich mit den Daten auf den Festplatten / auf den NAS Systemen? Hier würde ich auf den Menschen verweisen, der im Testament benannt ist. Hilfreich ist auch, wenn man seine Daten strukturiert hat, damit es für später verständlicher ist. (Das hilft auch für die Jetzt-zeit)

Gerade für mich als Amateur-Fotograf wäre es auch sinnvoll über Bildbände/Fotobücher nachzudenken. Wenn ich an die Konzertreihen oder die Demonstrationen denke, die ich mit der Kamera begleitet habe, wäre das in dem Fall doch einiges, was da zusammen kommt.

Sinnvoll wäre es ebenso meine Videoprojekte auf Blu-Ray zu brennen.

Ich denke, das wird nicht der letzte Eintrag hierzu sein, weil ich noch keine abschließende Lösung hierfür habe.

Danke an Janet fürs Korrekturlesen.